Diabetes einfach erklärt

Diabetes einfach erklärt

Transkript

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Barbara Müller: Manchmal haben Menschen keine Angst vor einer Spritze, sondern vor dem Gefühl, etwas nicht mehr allein zu schaffen. Hallo ihr Lieben, hier ist wieder eure Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG. Bevor wir starten, ein dickes Danke an euch, dass meine Podcasts inzwischen so viele Menschen erreichen, auch in anderen Ländern. Barbara Müller: Ich hätte es nie gedacht. Jede eurer Nachrichten motiviert mich und zeigt mir, Gesundheit braucht Wissen. Aber vor allem braucht es Herz. Und jetzt starten wir mit unserer heutigen Geschichte. Heute geht es Wilhelmina. Wilhelmina ist 81 Jahre alt, eine ehemalige Studienrätin. Eine Dame, bei der man sofort merkt, diese Frau hat früher eine ganze Klasse mit einem einzigen Blick ruhig bekommen.

Barbara Müller Immer gepflegt, immer: elegant. Schal passend zur Jacke, Schuhe passend zur Tasche und ihr Stock, den sie eigentlich gar nicht braucht. Barbara Müller: Wilhelmina kommt zu mir in die Diabetesberatung. Sie setzt sich hin, gerader Rücken, wacher Blick, wie früher vor ihrer Klasse. Nur diesmal steht sie nicht vorne an der Tafel. Diesmal soll sie selbst etwas Neues lernen. Ich frage: "Wilhelmina, wie geht es Ihnen?" Sie sagt: "Barbara, eigentlich ganz gut. Nur meine Ärztin hat ein Wort gesagt, das mir gar nicht gefällt."

Barbara Müller Ich ahne es schon. "Wilhelmina, Sie brauchen Insulin.": Barbara Müller: Der Stock und die Spritze. Ich schaue ihren Stock an und frage: „Wilhelmina, brauchen Sie den Stock?" Sie antwortet sofort: „Nein, natürlich nicht." Wie aus der Pistole geschossen. „Ich nehme ihn nur mit, falls der Boden Unterstützung braucht." Typisch Wilhelmina. Und genau da denke ich, der Stock und das Insulin haben etwas gemeinsam. Barbara Müller: Beides bedeutet für viele Menschen: Ich werde älter, ich brauche Hilfe, ich verliere die Kontrolle. Aber stimmt das wirklich?

Barbara Müller Was passiert nach vielen Jahren Diabetes? Jetzt wird wissenschaftlich, aber trotzdem einfach. Typ-zwei-Diabetes verändert sich über die Jahre. Am Anfang produziert der Körper oft noch viel: Insulin, aber die Körperzellen reagieren schlechter darauf. Man nennt es Insulinresistenz. Die Bauchspeicheldrüse arbeitet immer weiter, jahrelang, manchmal Jahrzehnte. Barbara Müller: Wie eine Lehrerin, die jeden Tag Überstunden macht. Irgendwann sagt sie dann: „Ich brauche Unterstützung." Und genau dann können Tabletten irgendwann nicht mehr ausreichen. Nicht, weil jemand etwas falsch gemacht hat, sondern weil Diabetes sich einfach verändert

Barbara Müller Jetzt Basalinsulin einfach erklärt. Ich erklär's Wilhelmina und auch euch. Basalinsulin ist wie eine Grundversorgung, wie eine Heizung im Haus. Sie läuft ruhig im Hintergrund. Sie macht nicht die Party. Sie sorgt nur dafür, dass es angenehm: bleibt. Das Basalinsulin unterstützt den Körper über viele Stunden. Barbara Müller: Und plötzlich schaut Wilhelmina mich an: "Barbara, ist das keine Strafe?" Ich sage: "Nein, es ist eine Hilfe für den Körper und eine Unterstützung." Barbara Müller: Jetzt kommt der Barbara-Moment. Ich frage Wilhelmina, wenn früher ein Schüler eine Brille gebraucht hat, weil er die Tafel nicht mehr sieht, hättest du dann gesagt, du hast versagt? Sie schaut mich streng an wie eine echte Lehrerin. Natürlich nicht, Barbara. Siehst du, ich lächle. Deine Bauchspeicheldrüse bekommt jetzt einfach eine kleine Brille.

Barbara Müller Jetzt lacht Wilhelmina das erste Mal. Warum Veränderung so schwer ist. Und: jetzt kommt die Seele. Wilhelmina sagt: "Barbara, ich hab mein ganzes Leben funktioniert. Ich war immer die, die Lösungen gefunden hat. Und plötzlich brauch ich Hilfe. Mir fällt das sehr, sehr schwer." Besonders fällt es den Menschen schwer, die früher immer sehr stark waren. Barbara Müller: Aber bei Wilhelmina geht es nicht nur um das Insulin.

Barbara Müller Haus Sonnenschein, der Umzug, der seit Jahren wartet. Wilhelmina lebt allein in einer wunderschönen Wohnung mit ihren Büchern, ihren Erinnerungen, mit ihrem Leben. Sie ist Witwe, aber sie ist neugierig geblieben. Sie liest viel, interessiert sich für die Welt und sie reist regelmäßig mit einem: Luxusbusunternehmen, am liebsten zusammen mit ihrer Freundin Ellen. Barbara Müller: Die beiden genießen ihre Reise. Schöne Städte, gute Hotels, gutes Essen. Wilhelmina sagt: "Weißt du, Barbara, wenn ich im Bus sitze, bin ich nicht alt. Dann bin ich unterwegs." Und genau das ist Wilhelmina. Unterwegs im Leben.

Barbara Müller Aber es gibt noch etwas anderes. Vor 16 Jahren hat Wilhelmina vorgesorgt, ganz vernünftig, ganz organisiert, wie eine Lehrerin eben. Sie hat sich in eine wunderschöne Seniorenresidenz eingekauft. Haus Sonnenschein. Alles geregelt, alles vorbereitet. Nur eine Kleinigkeit fehlt Wilhelmina.: Jedes Jahr sagt sie: „Vielleicht das nächste Jahr." Barbara Müller: Denn dieser Schritt fühlt sich für Wilhelmina groß an. Nicht wegen der Wohnung, nicht wegen des Hauses, sondern wegen dem, was es bedeutet. Und plötzlich verstehe ich. Der Stock, das Haus Sonnenschein, das Insulin. Es sind drei völlig unterschiedliche Dinge, aber sie berühren denselben Punkt. Wenn ich Unterstützung annehme, verliere ich dann ein Stück von mir? Barbara Müller: Die Antwort lautet: Nein, man verliert nicht seine Selbstständigkeit. Man bekommt Möglichkeiten dazu.

Barbara Müller Der erste Schritt. Wir starten langsam. Wir üben. Der Pen, die Technik, die Sicherheit. Ohne Druck, ohne: Angst. Und Wilhelmina merkt, die Spritze war nie das größte Problem. Das größte Problem war der Gedanke dahinter Einige Wochen später. Wilhelmina kommt natürlich elegant mit Schal, mit Stock, den sie selbstverständlich immer noch nicht braucht. Barbara Müller: Sie setzt sich hin, sie lächelt mich an und sagt: "Barbara, weißt du was? Das Insulin ist gar nicht mein Feind. Ich musste nur lernen, wieder Schülerin zu sein." Vielleicht hört heute jemand zu, der Angst vor einem neuen Schritt hat, vor Insulin, vor Veränderung, vor Hilfe. Dann denkt bitte daran: Hilfe ist kein Zeichen von Schwäche.

Barbara Müller Manchmal ist sie der Anfang von mehr Freiheit. Ich bin eure Barbara und sage heute: Auch die stärksten Menschen dürfen sich manchmal anlehnen. Barbara Müller: Ich bin eure Barbara und ich sage heute, auch die stärksten Menschen dürfen sich manchmal anlehnen. Wenn ihr mich unterstützen wollt, bewertet bitte den Podcast und empfehlt ihn weiter. Alles Liebe, Barbara