00:00:00: Barbara Müller: Der Körper ist keine Maschine mit Ersatzteilen, aber er kann sich erstaunlich erholen, wenn man rechtzeitig hinschaut und ihn gut pflegt. Hallo, ihr Lieben, hier ist wieder eure Barbara Müller, Diabetesberaterin DDG. Und bevor wir heute starten, danke für eure Nachrichten, für eure Offenheit und dafür, dass ihr diesen Podcast mit so viel Herz begleitet.
Barbara Müller Denn genau deshalb sprechen wir heute über ein Thema, das vielen Menschen Angst macht Diabetes mellitus und wenn der Zucker die Augen und die Nieren schädigt. Und heute geht es Wolfgang. Wolfgang ist sechzig Jahre alt. Er ist Maschinenbauingenieur. Er ist: normalgewichtig und ein Mann, der überzeugt ist, für alles gibt's Ersatzteile. Barbara Müller: Wenn irgendwo etwas kaputtgeht, denkt Wolfgang sofort: "Kann man austauschen. Ein Lager ist kaputt? Dann bauen wir ein neues Lager ein. Die Dichtung ist defekt? Dann muss eine neue Dichtung her." Aber dann kam plötzlich sein eigener Körper und der arbeitet leider nicht wie eine Werkzeugmaschine aus dem Katalog.
Barbara Müller Die Diagnose. Wolfgang hat seit einiger Zeit Probleme beim Sehen. Er sieht unscharf. Er denkt erstmal, das ist das Alter. Er hat ein Flimmern, manchmal sieht er schwarze Punkte und deshalb geht Wolfgang zum Augenarzt. Eigentlich denkt er,: bestimmt brauche ich einfach eine Brille. Und dann wird's plötzlich ernst. Barbara Müller: Der Augenarzt schaut ihn lange an. Er hat seine Augen untersucht und Wolfgang sagt: "Das wusste ich schon. Entweder ich hab auch Diabetes, weil alle in meiner Familie Diabetes haben und immer sind bei allen die Augen und die Nieren betroffen." Jetzt kommt ein wissenschaftlicher Teil: Barbara Müller: Sind Augen- und Nierenschäden bei Diabetes erblich?
Barbara Müller Viele Menschen fragen sich Wenn in meiner Familie alle Diabetes haben und viele Probleme mit den Augen und den Nieren, bekomme ich das auch? Ist das erblich? Die Antwort lautet teilweise ja. Bei: Diabetes mellitus Typ 2 spielt die genetische Veranlagung eine große Rolle. Wenn Eltern, Geschwister betroffen sind, steigt das eigene Risiko deutlich. Barbara Müller: Aber vererbt wird nicht nur der Diabetes selbst. Auch die Empfindlichkeit der kleinen Blutgefäße kann familiär unterschiedlich sein. Gerade die sogenannten kleinen Gefäße der Netzhaut im Auge und die feinen Filtergefäße der Niere. Manche Menschen reagieren ganz empfindlich auf hohe Blutzuckerwerte, auf einen hohen Blutdruck, auf Entzündungen, aber auch auf Fettstoffwechselstörungen und so weiter.
Barbara Müller Deshalb sieht man in manchen Familien häufiger eine diabetische Retinopathie, oh, wieder Fachchinesisch, 'n: Augenschaden und eine diabetische Nephropathie, ein Nierenschaden. Ich erklär's gleich noch mal genauer. Die Forschung zeigt, bestimmte genetische Faktoren beeinflussen, wie gut Gefäße geschützt sind und wie schnell Schäden entstehen können. Barbara Müller: Aber Gene sind nicht das Schicksal. Was ganz, ganz wichtig ist, ist immer eine gute Blutzuckereinstellung. Der Blutdruck muss kontrolliert werden. Man sollte möglichst nicht rauchen. Wenn man raucht, sofort aufhören. Wichtig sind auch regelmäßige Augenuntersuchungen. Auch die Nierenwerte müssen kontrolliert werden. Barbara Müller: Und heute gibt es auch moderne Medikamente, der SGLT2-Hemmer.
Barbara Müller Heute: weiß man auch, Menschen mit familiärem Risiko können durch eine frühe Behandlung oft schwere Schäden verhindern oder deutlich hinauszögern. Oder ganz einfach gesagt, man kann die Gene nicht ändern, aber man kann beeinflussen, wie stark sie wirken. Und tatsächlich, der Augenarzt entdeckt bei Wolfgang eine diabetische Retinopathie. Barbara Müller: Und erst dadurch wird klar, Wolfgang hat Diabetes mellitus Typ zwei. Barbara Müller: Was ist denn eigentlich eine Retinopathie?
Barbara Müller Jetzt wird's wieder ein bisschen wissenschaftlich, aber ganz einfach erklärt. In der Netzhaut des Auges liegen ganz feine: Blutgefäße und hohe Blutzuckerwerte schädigen genau diese kleinen Gefäße. Die Gefäße, die werden undicht, sie werden instabil und sie werden auch schlechter durchblutet. Dadurch bekommt die Netzhaut Probleme. Barbara Müller: Es können entstehen kleine Blutungen, Schwellungen, auch ein Sauerstoffmangel. Und genau das nennt man eine diabetische Retinopathie. Wichtig: Am Anfang merkt man oft gar nichts und genau deshalb sind die Augenarztkontrollen ganz, ganz wichtig. Barbara Müller: Warum musste denn Wolfgang gelasert werden? Wolfgang musste bereits zweimal gelasert werden und jetzt denken ganz viel Laser und Auge.
Barbara Müller Oh, viele haben auch Angst davor. Ja,: aber keine Sorge, das passiert heute sehr gezielt. Beim Lasern werden bestimmte krankhafte Bereiche der Netzhaut behandelt. Das Ziel ist, die Blutungen zu stoppen, die Netzhaut zu schützen oder einfach gesagt, der Laser soll verhindern, dass die Netzhaut weiter geschädigt wird. Barbara Müller: Wolfgang sagt: "Ich kam mir vor wie ein Drucker im Wartungsmodus." Barbara Müller: Was ganz, ganz wichtig ist, ist immer eine gute Blutzuckereinstellung. Das ist das A und O, dass es nicht zu weiteren Schäden im Körper kommt.
Barbara Müller Die Angst. Und jetzt kommt der Teil, über den viele nicht sprechen. Wolfgang hat Angst. Er hat große Angst. Und er sagt ganz leise,: "Barbara, ich habe Angst, blind zu werden." Barbara Müller: Und genau das beschäftigt viele Menschen mit Diabetes mellitus. Denn Augen bedeutet Selbstständigkeit, lesen, Auto fahren, seinen Alltag bewältigen. Und plötzlich merkt Wolfgang, Diabetes ist eben nicht nur ein bisschen Zucker. Barbara Müller: Wichtige Augenkontrollen. Und jetzt wird's wichtig. Menschen mit Diabetes sollten regelmäßig zur Augenkontrolle gehen, meist einmal jährlich. Bei bereits bestehender Retinopathie oft häufiger. Der Augenarzt untersucht die Netzhaut, die Gefäße, die Makula, den Sehnerv. Oft werden auch die Pupillen erweitert.
Barbara Müller Wolfgang sagt zu mir,: "Barbara, danach sehe ich immer aus wie ein erschrockenes Reh." Barbara Müller: Und jetzt kommen wir noch zu den Nieren. Doch damit nicht genug. Wolfgang soll jetzt auch noch zum Nephrologen. Noch ein neuer Doktor, dem Nierenspezialist. Und plötzlich bekommt er auch noch einen Auftrag, den wirklich niemand liebt. Barbara Müller: Er soll vierundzwanzig Stunden Urin sammeln. Einen vierundzwanzig Stunden Sammelurin. Wolfgang schaut mich an. "Barbara, ich bin Ingenieur." Und das ist selbst für mich ein kompliziertes Projekt. Warum untersucht man den Urin? Jetzt wird's wieder etwas wissenschaftlich. Die Nieren, so kann man sich das gut vorstellen, sind die Filteranlage des Körpers.
Barbara Müller Und hoher: Blutzucker schädigt ebenfalls die kleinen Gefäße in den Nieren. Das nennt man eine diabetische Nephropathie. Dabei werden die Filter der Niere langsam geschädigt. Oft merkt man das lange nicht und das ist das Schlimme. Deshalb untersucht man Eiweiß im Urin. Denn normalerweise bleibt Eiweiß im Körper.
Barbara Müller Wenn aber plötzlich Eiweiß im Urin auftaucht, kann das ein Hinweis sein auf eine Schädigung der Nierenfilter. Die Nierenfilter werden undicht. Der vierundzwanzig Stunden Sammelurin zeigt, wie viel Eiweiß verloren geht, wie gut die Niere noch arbeitet, ob bereits Schäden entstehen. Zusätzlich schaut man noch auf Blutwerte.: Barbara Müller: Das Kreatinin, die GFR, die Glomeruläre Filtrationsrate. Man schaut nach dem Albumin. Barbara Müller: Neue Therapie SGLT2. Wolfgang bekommt jetzt zusätzlich einen SGLT2-Hemmer. Und jetzt wird's spannend. Diese Medikamente helfen nicht nur dem Zucker, sondern schützen oft auch das Herz, die Augen und die Nieren. SGLT2-Hemmer sorgen dafür, dass überschüssiger Zucker über den Urin ausgeschieden wird.
Barbara Müller Dadurch sinken oft der Blutzucker, das Gewicht fällt. Es wirkt sich auch sehr gut auf den Blutdruck aus. Und wissenschaftlich sehen wir, die Nieren werden entlastet und erholen sich auch oft wieder. Wolfgang: sagt: "Also quasi ein Entlastungsprogramm für meine Filteranlage." Ja, genau, Wolfgang. Barbara Müller: Jetzt kommt der Wendepunkt und jetzt passiert etwas Wichtiges. Wolfgang beginnt, seinen Diabetes ernst zu nehmen. Nicht aus Angst allein, sondern weil er merkt, sein Körper arbeitet jeden Tag für ihn. Und vielleicht braucht er keine neuen Ersatzteile, sondern Aufmerksamkeit und Pflege.
Barbara Müller Jetzt kommt der Barbara-Moment. Wolfgang sagt irgendwann „Barbara, früher habe ich Maschinen gewartet. Ich glaube, jetzt bin ich selber ein Wartungsfall." Einige: Monate später sind seine Werte deutlich besser. Der Blutzucker ist stabil, die Augen sind ruhig, die Nierenwerte sind stabil. Und plötzlich sagt Wolfgang: „Barbara, vielleicht ist mein Körper doch noch kein Schrottplatz." Barbara Müller: Und genau darum geht es. Nicht perfekt zu werden, sondern rechtzeitig hinschauen. Denn Diabetes kann viel verändern. Aber moderne Medizin kann heute auch unglaublich viel schützen. Ich bin eure Barbara Müller und ich sage: Vorsorge bedeutet nicht Angst, sondern die Chance, die Gesundheit zu bewahren. Alles Liebe, Barbara.
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